Mai 18 2010

Grüße aus der Piratenbucht

Peter Sunde mag den brasilianischen Präsidenten. Peter Sunde trinkt gerne Bier. Damit kokettierte er jedenfalls bei seinem Panel auf der diesjährigen Konferenz re:publica. Und wenn der Schwede ein Internetprojekt anschiebt, bekommt auch schon mal der schwedische Außenminister Druck aus Washington: Der Torrent-Tracker »The Pirate Bay« lehrte die Musik- und Filmindustrie weltweit das Fürchten und befeuerte Diskussionen übers Urheberrecht in Talkshows und Kinderzimmern. Das eher liberale Schweden entschied sich erst nach diplomatischer Intervention aus den USA zu Schritten gegen die Filesharing-Plattform.
Getreu dem Motto »Wer mit 20 kein Sozialist ist, hat kein Herz. Wer es mit 40 immer noch ist, hat keinen Verstand.« verbindet der 31-jährige Sunde mit seinem neuesten Projekt Herz und Verstand auf legaler Basis. Flattr ist ein so genannter Micropayment-Dienst, der es dem Teilnehmer ermöglicht, einen monatlich festgelegten Betrag durch einfache Mausklicks auf andere Teilnehmer des Dienstes zu verteilen. Wenn ich also zehn Flattr-Buttons verschiedener Blogs drücke, erhält jeder dieser Blogger ein Zehntel meines monatlichen Flattr-Budgets auf seinem Flattr-Konto gutgeschrieben. Das Geld kann man sich auszahlen lassen, oder wieder zum Flattrn anderer Seiten benutzen. Sundes Firma behält einen Teil als Provision für sich. Was die gebeutelte Europäer-Seele freuen wird: Basiswährung dieses Internet-Dienstes ist einmal nicht der US-Dollar, sondern unser in Verruf geratener Euro.
Flattr ist neu. So neu, dass die Süddeutsche Zeitung vom 15./16. Mai Flattr im Beitrag »Das Honorar kommt per Klick« des Ressorts »Beruf und Karriere«, in dem es um die Monetarisierung von Blogs geht, gar nicht erwähnt. Vermutlich hatten die Redakteure noch keine Einladung, wie man sie benötigt, um Flattr in der zurzeit laufenden Beta-Phase zu nutzen. Vielleicht ist die SZ internetthematisch aber auch mal wieder etwas hinten an.
Wenn Facebooks Like-Button das Schulterklopfen der Blogosphäre ist, dann ist Flattr der Sammelhut. Der Service richtet sich vor allem an Kreative wie Blogger, Fotografen und Musiker, die ihre Produkte bisher ohnehin kostenlos im Netz abgegeben haben und nun ein wenig vom Wir-Gefühl des Social Web profitieren können. Noch finden sich nicht viele Flattr-Buttons. Meine Member-ID ist vierstellig, woraus sich ableiten lässt, wie wenig Teilnehmer Flattr im Moment hat. Deshalb kann man auch seinen Impact auf das Netz nicht absehen, da der Dienst nur mit großen Teilnehmerzahlen Sinn macht. Es nützt ja ausschließlich Peter Sunde etwas, wenn lediglich ein kleiner Kreis von Bloggern seine Flattr-Budgets untereinander umverteilt. Wobei ihm das Geld gegönnt sei: Falls die schwedischen Urteile gegen The Pirate Bay rechtskräftig werden, braucht er jeden Euro.

Mehr zum Thema in anderen Blogs:



Mrz 30 2010

Tod eines kleinen Buchhändlers

Liza Marklund? Ich lese keine Krimis, und ich muss auch keine Krimileser beraten und mit neuem Stoff versorgen. Deswegen kenne ich Liza Marklund nicht. Neulich hat sie der FAZ (zum Thema Buchpreisbindung) gesagt, dass der kleine Buchhändler sie null interessiere und er verschwinden solle, denn das kümmere niemanden – was speziell bei kleinen Buchhändlern für große Aufregung gesorgt hat. Laut buchmarkt.de und boersenblatt.net läuft im Buchhandel sogar eine eMail-Kampagne gegen Marklund mit dem Ziel, ihre Bücher zu boykottieren.
Bei meinen Recherchen nach Marklund stieß ich in der Wikipedia auf ein Foto von ihr, das beim Krimifestival »Mord am Hellweg« in Werne gemacht wurde. Da es praktisch nichts Kleineres als Werne gibt, gehe ich erst mal davon aus, dass sie nicht grundsätzlich nur die großen Dinge wichtig findet.
Eher glaube ich, wir können an ihrem Beispiel sehen, wie man von dem geprägt wird, was man tut. Die Frau schreibt den ganzen Tag lang Geschichten von, wie man so sagt, Mord und Totschlag. Einen kleinen Buchhändler über die Klinge springenlassen? Normal! Dazu ist sie geradezu verpflichtet. Es ist doch damit zu rechnen, dass in ihren Romanen Legionen von Menschen aus allen Berufsgruppen gemeuchelt werden: Ärzte, Politiker, Kellnerinnen, Frisöre, Fußballspieler. Was, in Gottes Namen, hat da ein kleiner Buchhändler am Leben zu hängen? Hätte die FAZ mit ihr über ihre Einkünfte und ihre Geldanlagen gesprochen, hätte sie sicherlich gesagt: »Was interessieren mich die Bänker und Vermögensberater, sollen sie doch alle zum Teufel gehen, die vermisst doch keiner.«
Niemand hätte widersprochen.



Mrz 18 2010

Amazon Verkäuferkonto ohne IE6-Unterstützung

In der vergangenen Woche hat Youtube  offiziell die Unterstützung des Microsoft-Browsers Internet Explorer 6 eingestellt. Und auch Amazon hat seine Verkäufer darüber informiert, dass die “Seller-Central” von nun an ohne IE6-Support entwickelt wird.  Bei Amazon heißt es dazu: “Internet Explorer 6 gilt in der Fachwelt als veraltet und wird auch von Microsoft nicht mehr unterstützt. Zudem ist er deutlich langsamer als aktuelle Browser und enthält zahlreiche Sicherheitslücken.” Konkret bedeutet das, dass bei der zukünftigen Entwicklung dieser Internetangebote keine  Rücksicht mehr darauf genommen wird, ob und wie sie im IE6 angezeigt werden.
Obwohl sich der Browser, wie bei webzeug.de zu lesen “nicht ansatzweise an Webstandards hält”, ist er noch weit verbreitet. Meine Blogs (diesen hier und fischfresse.de) zum Beispiel lesen 15 bis 20 Prozent der Benutzer mithilfe des IE6.



Mrz 1 2010

Über Filmzeitschriften

Es gab zwei Anlässe, bei denen ich meinen Mangel an Kenntnissen der französischen Sprache ernsthaft bedauerte. Der eine war ein Mädchen auf einem Campingplatz bei La Rochelle, der andere, als ich zum ersten Mal eine alte Ausgabe der Filmzeitschrift “Cahier du Cinema” vor mir liegen hatte. Anhand einzelner Stichworte musste ich mir zusammenreimen, auf welch aufregendes Dokument des europäischen Kinos ich blickte. Zum Glück gibt es noch viele andere gute und einige herausragende Zeitschriften, die sich mit den Themen Film und Kino beschäftigen, auch auf Englisch und sogar auf Deutsch. Einige dieser Titel wurden mit überschaubaren Mitteln von ambitionierten Cineasten oder Kommunalen Kinos publiziert. Andere setzten, solide budgetiert, die filmjournalistischen Standards. In Deutschland spielten dabei die Kirchen eine wichtige Rolle, die kurz nach dem Krieg mit dem “Evangelischen Film-Beobachter” (heute “epd-Film”) und dem katholischen “Film-Dienst” medienpädagogische Kompetenz für sich reklamierten. Das war nicht nur gut gemeint, sondern auch gut gemacht, weshalb diese Zeitschriften bis heute so unentbehrlich sind wie konfessionell getragene Krankenhäuser. Auch die intellektuelle Linke, die (wie die Kirchen) neben künstlerischen vor allem gesellschaftliche Ansprüche an das Filmschaffen hatte, brachte einige wichtige, langlebige Filmzeitschriften hervor, zum Beispiel die “Positif” in Frankreich und die deutsche “Filmkritik”, deren erster Satz im ersten Heft lautete: “Wir wollen es mit Walter Benjamin halten: Das Publikum muß stets unrecht erhalten und sich doch durch den Kritiker vetreten fühlen.” Ein Anspruch, bei dem so manchem Filmfreund das Popcorn im Halse steckenbleiben mußte. Denn in den dreißiger und vierziger Jahren dominierten Illustrierte wie “Filmwelt” und “Filmwoche” die deutsche Szene mit luftig-launigen Schauspielerportraits oder jovialer Propaganda. Sehr frühe Periodika wie die “Lichtbild-Bühne” (ab 1908) oder der “Film-Kurier”, eine erstmals 1919 herausgegebene und teils publikumsorientierte, teils mit Fachbeiträgen gefüllte Zeitung, sind praktisch nur noch in Filmmuseen erhalten, während seine Beilage (später spin-off) “Illustrierter Film-Kurier”, die berühmte Programmheft-Reihe, bis heute fleißig gesammelt wird.
In meinem Versand-Antiquariat, das schwerpunktmäßig Filmbücher verkauft, gebe ich den Zeitschriften einen immer größeren Raum. Das liegt einmal daran, daß ich sie bei meinen Buchankäufen fast immer in großer Zahl vorfinde: Wer Filme liebt und Bücher dazu kauft, ist meist auch treuer Abonnent mehrerer Filmzeitschriften und möchte sie ebenso wie die Bücher in gute Hände geben. Auf der anderen Seite gibt es viele Gründe, solche Zeitschriften zu sammeln und zu archivieren. Manche Ausgabe widmet sich ausschließlich einem einzigen Regisseur, Spielfilm oder Genre. Geht es um Themen abseitig des Mainstream, sind Hefte mit derart monographischem Charakter oft die einzigen Fachveröffentlichungen überhaupt. Immer ist es unterhaltsam, die zeitgenössischen Kritiken aus dem Premierenjahr zu lesen und mit der heutigen Rezeption des Filmes abzugleichen. Meine Kunden, die teilweise selbst Filmschaffende sind, suchen außerdem Fachbeiträge zu konkreten technischen, filmtheoretischen oder wirtschaftlichen Themen, die oft auf dem Niveau eines Fachbuches abgehandelt werden. Fans sammeln sämtliche Titelbilder einzelner Schauspieler. Komplettisten versuchen Lücken in den Jahrgängen ihrer Sammlungen zu schließen. Da Kino auch immer eine stilbildende Funktion hatte, werden ältere Zeitschriften von Mode- und Architektur-Interessierten gesucht. Typisch dafür natürlich die Epoche der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts, als das Kino sich schon einen festen Platz in der Unterhaltungsindustrie erobert hatte und Diven und Helden auf den Titelblättern gefeiert wurden. Wie oben erwähnt, sind gut erhaltene Ausgaben dieser Zeit jedoch selten, da die Deckel, die Bücher über Jahrhunderte erhalten, den Zeitschriften fehlen und sie ja per Definition für den Augenblick und nicht für die Ewigkeit gemacht wurden. In letzter Zeit habe ich begonnen, einzelne, besonders relevante Artikel gesondert zu erschließen. Auf diese Weise können auch fragmentarisch erhaltene Hefte verwertet und wenigstens in Teilen den Filminteressierten zugänglich gemacht werden. In diesem Zusammenhang seien auch Ausschnitte aus branchenfremden Illustrierten und Tageszeitungen, sogenannte Clippings, erwähnt. Gehandelt werden spektakuläre Meldungen (Hochzeit, Tod) über Schauspieler-Karrieren und Artikel renommierter Filmkritiker früher Jahre. Veröffentlichungen von Lotte H. Eisner, Frieda Grafe, Béla Balázs uns Siegfried Kracauer sind bei Cineasten begehrt.
Die Bandbreite der weiteren in meinem Antiquariat gefragten Filmzeitschriften erstreckt sich vom Branchenblatt “Film-Echo” (nicht nur für Kinobetreiber) und die brillant gemachte “Steadycam” über die “Filmfaust” und die feministische “Frauen und Film” bis zur abseitigen “Splatting Image” (für die der Genrebegriff “Horror” zu kurz greifen würde). Zu den internationalen Titeln, die ich gleichermaßen nach Deutschland wie ins Ausland verkaufe, gehören die französische “L’Avant-Scène du Cinéma”, die amerikanische “Film-Culture” (herausgegeben vom Experimental- und Underground-Pionier Jonas Mekas) sowie die seit fast 80 Jahren vom British Film Institute verlegte “Sight & Sound”. An Filmprogrammen der Reihe “Illustrierter Film-Kurier” habe ich zur Zeit etwa 400 Titel im Katalog.



Feb 9 2010

Umsichtige Betrachtung des Falles Hegemann

Wolfgang Tischer hat in seinem Literatur-Café einen crossmedialen Blick auf die Reaktionen zu Helene Hegemanns Roman Axolotl Roadkill und die Plagiat-Debatte geworfen. Dabei gilt seine Kritik nicht nur dem klassischen Feuilleton und dem Verleger, sondern auch den Teilnehmern im Social Web, speziell auf Twitter. Ein lesenswerter Beitrag zum Thema.



Feb 4 2010

Eskapismus für lange Winterabende

Damit wir uns an finsteren Winterabenden die Augen nicht beim Lesen verderben, schauen wir uns um diese Jahreszeit immer eine ausgewählte TV-Serie auf DVD an. Gerne zwei Folgen pro Abend, anders sind vier oder fünf Staffeln ja auch kaum zu bewältigen. Einmal war es Six Feet Under (Familiensaga der anderen Art), dann 24 (ich liebe Split Screen). Dieses Jahr sehen wir Prison Break. Anfangs musste ich mich überreden lassen, weil ich es für durchschaubare Mainstream-Spannungs-Ware hielt. Jetzt bin ich gefesselt. Klar, wenn man das Genre kennt, ist die eine oder andere Wendung absehbar, was den Spaß nicht trübt, denn der Zuschauer freut sich immer, wenn er der Story mal ein paar Meter voraus ist. Aber keine Sorge: Sie holt einen ganz schnell wieder ein.
Richtig gut gefällt mir an Prison Break, dass es dem Drehbuch gelingt, alle Figuren mit solcher Tiefe zu zeichnen, dass ich für die fiesesten Charaktere Mitgefühl habe, wenn diese selbst in der einen oder anderen Situation gequält werden. Da haben es sich die Autoren nicht leicht gemacht, doch dadurch hebt sich die Serie deutlich vom Mainstream ab.



Feb 2 2010

Afrikanische und arabische Filmfestivals

In dieser Woche starten in Deutschland gleich zwei exotische Filmfestivals: Africa Alive in Frankfurt am Main präsentiert als Kulturfestival auch Literatur, Kunst und Musik – dieses Mal mit Schwerpunkt Südafrika. Am 3. Februar zeigt das Filmforum Höchst den Eröffnungsfilm Jerusalema. Weitere Filme laufen im Mal Seh’n Kino, im Wiesbadener Caligari und im Murnau Filmtheater (ebenfalls Wiesbaden). Das Festival läuft bis zum 13. Februar.

In Tübingen veranstaltet der Verein Arabischer Studenten und Akademiker das Arabische Filmfestival 2010.  Es zeigt vom 3. bis 10. Februar knapp 30 Filme aus Algerien, Marokko, Ägypten, Irak, Libanon, Palästina und Jordanien. Das Schwerpunkt-Thema lautet in diesem Jahr “Kurden in den arabischen Ländern”. Die Filme werden in den Kinos Museum und Arsenal gezeigt.

Afrikanisches Film- und Kulturfestival Frankfurt

Afrikanisches Film- und Kulturfestival Frankfurt

Arabisches Filmfestival 2010 Tübingen

Arabisches Filmfestival 2010 Tübingen



Jan 28 2010

iPad

Einen treffenden Kommentar zur iPad-Hysterie hat Ahoi Polloi gezeichnet.



Jan 26 2010

Angriff auf Blogistan

Der hilflose Umgang der Zeitungsverlage mit der journalistischen Konkurrenz aus der Blogosphäre hat Wolfgang Michal bei Carta zu einer Satire inspiriert: Ein Blogger-Ausstiegsprogramm.



Jan 21 2010

Großartige Bibliotheken

Die Schweizer von “Mirage Bookmark” sind nicht nur eine interessante Adresse für Sammler von Lesezeichen. Sie haben auch einige Bilder von beeindruckenden Bibliotheken in aller Welt auf ihrer Seite. Das Projekt wird fortgeführt.