Mrz 1 2010

Über Filmzeitschriften

Es gab zwei Anlässe, bei denen ich meinen Mangel an Kenntnissen der französischen Sprache ernsthaft bedauerte. Der eine war ein Mädchen auf einem Campingplatz bei La Rochelle, der andere, als ich zum ersten Mal eine alte Ausgabe der Filmzeitschrift “Cahier du Cinema” vor mir liegen hatte. Anhand einzelner Stichworte musste ich mir zusammenreimen, auf welch aufregendes Dokument des europäischen Kinos ich blickte. Zum Glück gibt es noch viele andere gute und einige herausragende Zeitschriften, die sich mit den Themen Film und Kino beschäftigen, auch auf Englisch und sogar auf Deutsch. Einige dieser Titel wurden mit überschaubaren Mitteln von ambitionierten Cineasten oder Kommunalen Kinos publiziert. Andere setzten, solide budgetiert, die filmjournalistischen Standards. In Deutschland spielten dabei die Kirchen eine wichtige Rolle, die kurz nach dem Krieg mit dem “Evangelischen Film-Beobachter” (heute “epd-Film”) und dem katholischen “Film-Dienst” medienpädagogische Kompetenz für sich reklamierten. Das war nicht nur gut gemeint, sondern auch gut gemacht, weshalb diese Zeitschriften bis heute so unentbehrlich sind wie konfessionell getragene Krankenhäuser. Auch die intellektuelle Linke, die (wie die Kirchen) neben künstlerischen vor allem gesellschaftliche Ansprüche an das Filmschaffen hatte, brachte einige wichtige, langlebige Filmzeitschriften hervor, zum Beispiel die “Positif” in Frankreich und die deutsche “Filmkritik”, deren erster Satz im ersten Heft lautete: “Wir wollen es mit Walter Benjamin halten: Das Publikum muß stets unrecht erhalten und sich doch durch den Kritiker vetreten fühlen.” Ein Anspruch, bei dem so manchem Filmfreund das Popcorn im Halse steckenbleiben mußte. Denn in den dreißiger und vierziger Jahren dominierten Illustrierte wie “Filmwelt” und “Filmwoche” die deutsche Szene mit luftig-launigen Schauspielerportraits oder jovialer Propaganda. Sehr frühe Periodika wie die “Lichtbild-Bühne” (ab 1908) oder der “Film-Kurier”, eine erstmals 1919 herausgegebene und teils publikumsorientierte, teils mit Fachbeiträgen gefüllte Zeitung, sind praktisch nur noch in Filmmuseen erhalten, während seine Beilage (später spin-off) “Illustrierter Film-Kurier”, die berühmte Programmheft-Reihe, bis heute fleißig gesammelt wird.
In meinem Versand-Antiquariat, das schwerpunktmäßig Filmbücher verkauft, gebe ich den Zeitschriften einen immer größeren Raum. Das liegt einmal daran, daß ich sie bei meinen Buchankäufen fast immer in großer Zahl vorfinde: Wer Filme liebt und Bücher dazu kauft, ist meist auch treuer Abonnent mehrerer Filmzeitschriften und möchte sie ebenso wie die Bücher in gute Hände geben. Auf der anderen Seite gibt es viele Gründe, solche Zeitschriften zu sammeln und zu archivieren. Manche Ausgabe widmet sich ausschließlich einem einzigen Regisseur, Spielfilm oder Genre. Geht es um Themen abseitig des Mainstream, sind Hefte mit derart monographischem Charakter oft die einzigen Fachveröffentlichungen überhaupt. Immer ist es unterhaltsam, die zeitgenössischen Kritiken aus dem Premierenjahr zu lesen und mit der heutigen Rezeption des Filmes abzugleichen. Meine Kunden, die teilweise selbst Filmschaffende sind, suchen außerdem Fachbeiträge zu konkreten technischen, filmtheoretischen oder wirtschaftlichen Themen, die oft auf dem Niveau eines Fachbuches abgehandelt werden. Fans sammeln sämtliche Titelbilder einzelner Schauspieler. Komplettisten versuchen Lücken in den Jahrgängen ihrer Sammlungen zu schließen. Da Kino auch immer eine stilbildende Funktion hatte, werden ältere Zeitschriften von Mode- und Architektur-Interessierten gesucht. Typisch dafür natürlich die Epoche der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts, als das Kino sich schon einen festen Platz in der Unterhaltungsindustrie erobert hatte und Diven und Helden auf den Titelblättern gefeiert wurden. Wie oben erwähnt, sind gut erhaltene Ausgaben dieser Zeit jedoch selten, da die Deckel, die Bücher über Jahrhunderte erhalten, den Zeitschriften fehlen und sie ja per Definition für den Augenblick und nicht für die Ewigkeit gemacht wurden. In letzter Zeit habe ich begonnen, einzelne, besonders relevante Artikel gesondert zu erschließen. Auf diese Weise können auch fragmentarisch erhaltene Hefte verwertet und wenigstens in Teilen den Filminteressierten zugänglich gemacht werden. In diesem Zusammenhang seien auch Ausschnitte aus branchenfremden Illustrierten und Tageszeitungen, sogenannte Clippings, erwähnt. Gehandelt werden spektakuläre Meldungen (Hochzeit, Tod) über Schauspieler-Karrieren und Artikel renommierter Filmkritiker früher Jahre. Veröffentlichungen von Lotte H. Eisner, Frieda Grafe, Béla Balázs uns Siegfried Kracauer sind bei Cineasten begehrt.
Die Bandbreite der weiteren in meinem Antiquariat gefragten Filmzeitschriften erstreckt sich vom Branchenblatt “Film-Echo” (nicht nur für Kinobetreiber) und die brillant gemachte “Steadycam” über die “Filmfaust” und die feministische “Frauen und Film” bis zur abseitigen “Splatting Image” (für die der Genrebegriff “Horror” zu kurz greifen würde). Zu den internationalen Titeln, die ich gleichermaßen nach Deutschland wie ins Ausland verkaufe, gehören die französische “L’Avant-Scène du Cinéma”, die amerikanische “Film-Culture” (herausgegeben vom Experimental- und Underground-Pionier Jonas Mekas) sowie die seit fast 80 Jahren vom British Film Institute verlegte “Sight & Sound”. An Filmprogrammen der Reihe “Illustrierter Film-Kurier” habe ich zur Zeit etwa 400 Titel im Katalog.

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Feb 4 2010

Eskapismus für lange Winterabende

Damit wir uns an finsteren Winterabenden die Augen nicht beim Lesen verderben, schauen wir uns um diese Jahreszeit immer eine ausgewählte TV-Serie auf DVD an. Gerne zwei Folgen pro Abend, anders sind vier oder fünf Staffeln ja auch kaum zu bewältigen. Einmal war es Six Feet Under (Familiensaga der anderen Art), dann 24 (ich liebe Split Screen). Dieses Jahr sehen wir Prison Break. Anfangs musste ich mich überreden lassen, weil ich es für durchschaubare Mainstream-Spannungs-Ware hielt. Jetzt bin ich gefesselt. Klar, wenn man das Genre kennt, ist die eine oder andere Wendung absehbar, was den Spaß nicht trübt, denn der Zuschauer freut sich immer, wenn er der Story mal ein paar Meter voraus ist. Aber keine Sorge: Sie holt einen ganz schnell wieder ein.
Richtig gut gefällt mir an Prison Break, dass es dem Drehbuch gelingt, alle Figuren mit solcher Tiefe zu zeichnen, dass ich für die fiesesten Charaktere Mitgefühl habe, wenn diese selbst in der einen oder anderen Situation gequält werden. Da haben es sich die Autoren nicht leicht gemacht, doch dadurch hebt sich die Serie deutlich vom Mainstream ab.

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Feb 2 2010

Afrikanische und arabische Filmfestivals

In dieser Woche starten in Deutschland gleich zwei exotische Filmfestivals: Africa Alive in Frankfurt am Main präsentiert als Kulturfestival auch Literatur, Kunst und Musik – dieses Mal mit Schwerpunkt Südafrika. Am 3. Februar zeigt das Filmforum Höchst den Eröffnungsfilm Jerusalema. Weitere Filme laufen im Mal Seh’n Kino, im Wiesbadener Caligari und im Murnau Filmtheater (ebenfalls Wiesbaden). Das Festival läuft bis zum 13. Februar.

In Tübingen veranstaltet der Verein Arabischer Studenten und Akademiker das Arabische Filmfestival 2010.  Es zeigt vom 3. bis 10. Februar knapp 30 Filme aus Algerien, Marokko, Ägypten, Irak, Libanon, Palästina und Jordanien. Das Schwerpunkt-Thema lautet in diesem Jahr “Kurden in den arabischen Ländern”. Die Filme werden in den Kinos Museum und Arsenal gezeigt.

Afrikanisches Film- und Kulturfestival Frankfurt

Afrikanisches Film- und Kulturfestival Frankfurt

Arabisches Filmfestival 2010 Tübingen

Arabisches Filmfestival 2010 Tübingen

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Dez 31 2009

Kinotypen

Mir gefällt die vom Kubismus inspirierte Deckelillustration von  Resi Langers Büchlein “Kinotypen”:

Resi Langer: Kinotypen / Der Zweemann Verlag, Hannover 1919

Resi Langer: Kinotypen / Der Zweemann Verlag, Hannover 1919

Ein aussagekräftiges Zeitdokument sind allerdings auch die einleitenden Worte der Schauspielerin:

“Diese Skizzen entstanden etwa zwei Jahre vor Kriegsanfang, als Film und Kino noch fast bieder­meierlich-gemütliche Angelegenheiten waren und nicht wie heute leider fast ausschließlich der Tum­melplatz für Schiebertum und Halbwelt.”

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Okt 2 2009

Gut an schlechten Filmen …

… finde ich ja immer die Verrisse. Das unterhaltsame “Heyne Lexikon des erotischen Films” von Ronald M. Hahn (Heyne, München 1993) kommentiert zum Beispiel “Die nackte Carmen” (Carmen nue / F 1984 / Regie Albert Lopez) so: “Eine auf Crime und lahme Sexeinlagen reduzierte Verfilmung des Prosper Mérimée-Stoffes, ausgeführt von untalentierten Knallchargen. Der Film ist ohne jeglichen Wert und kann nicht mal einen verregneten Nachmittag aufheitern.” Auch schön die Meinung zu “Mädchenhandel lohnt sich nicht” (Massacre pour une orgie / F 1966 / Regie J.-L. Grosdard): “Der Film, der 1966 in Cannes (!) lief, ist ein flink zusammengeschusterter Montagesalat aus dem Abfalleimer einer Schneidewerkstatt. Von weiteren Regiearbeiten Grosdards hat die Welt nie gehört, [...]“.

Nebenbei habe ich beim Beblättern des Heyne Lexikons gelernt, daß Marcello Mastroianni mal in ein und demselben Film wie Dieter Hallervorden gespielt hat.

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Okt 1 2009

Schulbuch gegen MG

Was Eltern und Lehrer heute gar nicht mögen, war zu Zeiten des Kalten Krieges noch eine Tugend: “Als es um die Freiheit geht, tauschen sie ihre Schulbücher gegen MGs”, lautete 1984 die deutsche Tagline zum John-Milius-Film “Die Rote Flut” (Red Dawn) mit Patrick Swayze und (leider auch) Harry Dean Stanton. Wer immer noch Angst vorm Russen hat oder  sich eine Reminiszenz an diese bleierne Zeit an die Wand hängen möchte: Hier ist das Filmplakat.

Die Rote Flut (Red Dawn)

Die Rote Flut (Red Dawn) / 1984

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Sep 30 2009

Filmbuch-Shop: Neu!

Pünktlich zum Herbstanfang, wenn die Tage dunkler und die Nächte länger werden, wenn alle Welt über Filmtheorie und Filmgeschichte lesen will, habe ich meinen Online-Shop für Filmbücher und Filmzeitschriften neu aufgesetzt. Ich verwende xaranshop® V5.0 , das einen zeitgemäßen Shop aus einer Datenbank generiert. Er ist seit einigen Tagen online und läuft rund. Außerdem bin ich zum sympathischen Web-Hoster Host Europe GmbH umgezogen, wo jetzt auch dieser Blog liegt.

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