Entdecke das Universum
“Wenn Sie einem Menschen ein Buch verkaufen, dann verkaufen Sie ihm nicht nur so und soviel Papier, Druckerschwärze und Leim – nein, Sie verkaufen ihm ein ganzes, neues Leben.” (Christopher Morley: Parnass und Pegasus / Humboldt, Wien 1951)
Meine Erstkommunion war der wichtigste Tag in meinem Leben. Nicht wegen der gepimpten Oblate, nicht weil ich mit meiner Kerze in einem unaufmerksamen Moment den Schopf des Jungen vor mir entzündete. Die Epiphanie ereilte mich in Form eines Buches: “Entdecke das Universum” von Ian Ridpath / Moderne Jugend Heute, Wien 1976. Ein reich illustriertes, vom Text her eher uninspiriertes Jugendbuch über Astronomie und Raumfahrt. Nichts besonderes. Schlichte Ware. Es gab anderes, “besseres”. Doch dieser Band schlug bei mir ein wie ein Asteroid, sprengte mein Kinderzimmer, fegte das kleine Dorf samt Kirchturm davon und eröffnete mir einen Blick in gleich zwei Universen: das der Sterne und das der Bücher. Es folgten entsprechende Expeditionen ins “Reich der Tiere” (hätte gerne Termiten gehabt), der “Letzten Rätsel der Menschheit” (dachten die) und “Unser Jahrhundert” (zum Glück vorbei). Das meiste kam, aufgrund einer lehnsähnlichen Verpflichtung meiner dem Arbeitermilieu entstammenden Eltern, aus Gütersloh. Das schadete für den Anfang jedoch gar nichts. Ein kleiner Schritt auf der Leiter der Erkenntnis, ein großer Schritt für einen kleinen Jungen. Die Welt der Bücher rollte sich vor mir aus wie ein endloser roter Teppich und machte Lust auf die Gala: Das Leben.
Aber keine Geschichte ohne Antagonisten, Prüfungen, retardierende Momente. In der Schule wurde so lange “am Text gearbeitet”, bis jeder Zauber entwichen war und ich mich zuhause mit John Sinclair und Stephen King dopen mußte, um am nächsten Tag wieder Kraft für Böll zu haben. Heute wünschte ich, meine Lehrer wären anstelle seines Nachlasses in Köln archiviert worden. Wer wissen möchte, wie vernichtend selbstgefällige Arroganz auf einen jungen Menschen wirkt, der schicke sein Kind mit einem Groschenroman in den Deutschunterricht. Doch es gab nicht nur Nürnberger Trichterstopfer, es gab auch Mentoren. Ob sie wußten, was sie taten, als sie mich mit Musils “Törleß” konfrontierten, mit Hesses “Unterm Rad” impften, als sie mit Kerouac Anarchie säten? Vielen Dank dafür.
Während meines Wehrdienstes (sorry, kommt nicht wieder vor) ernährte ich mich von Douglas Adams. Den Verstand zu verlieren erschien mir die beste Strategie, selbigen zu bewahren (Catch 22). Nur Ford Prefect und Zaphod Beeblebrox war zu verdanken, daß ich nicht an Vogonen-Lyrik wie “Kompanie schtschstndn” und “Hauptfeldwebel Müller ist heute seit zwanzig Jahren in unserer Einheit – Er bekommt einen halben Tag Sonderurlaub” zerbrach.
Trotzdem fand ich meinen Verstand danach nicht auf Anhieb wieder, obwohl (oder eben weil) ich in dem einen oder anderen Fachbuch des einen oder anderen Studienganges danach suchte. Ich gelangte zu der Einsicht, tiefer schürfen zu müssen, was zu einer Phase haltloser Buchkäufe führte. Dazu nur soviel: Man glaubt gar nicht, wieviele Bücher es über LSD, Psilocybin und Ketamin gibt! Die intensive, jahrelange Auseinandersetzung mit der entsprechenden Literatur brachte mich einige Bewußtseinsstufen nach oben, ohne daß ich die entsprechenden Substanzen überhaupt einnehmen mußte. Entgegen den Erwartungen meines sozialen Umfeldes kehrte sogar mein fahnenflüchtiger Verstand zurück. Zur Begrüßung sagte er: “Geh’ arbeiten”.
Da man in diesem Land, an dem ich hänge wie Heine und Tucholsky, ohne amtliche Ausbildung kaum ein amtliches Auskommen einfahren kann, begann ich, zaghaft einige Titel aus dem Bestand meiner Privatbibliothek über Amazons Marketplace im so genannten Internet (die jüngeren unter den Lesern werden es kennen) zu verkaufen. Fast alles lief. Besonders gut das Material über Drogen und die Rote Armee Fraktion. Von letzterem konnten die Leute gar nicht genug bekommen. Kollegen, wenn Stefan Aust stirbt: Kauft sein Archiv! Besoffen vom unvermittelten Erfolg kam ich auf die esoterische (also wahnwitzige) Idee, der Gebrauchtbuchhandel sei für mich “gut” und “natürlich” und ich sei “auf dem richtigen Weg”. Bestätigung dafür fand ich ausgerechnet bei einem hochseriösen Barsortiment, daß mich eine zeitlang mit Restauflagen und Remittenden versorgte (von Haffmans Insolvenz zehre ich noch heute). Als der Markt implodierte, weil außer mir auch noch knapp hundertausend andere die sehr niedrigen Markteintrittsbarrieren für Versandantiquariate überwunden hatten, spielte mir Rechercheus, der Gott der Suchenden, eine Bibliothek mit Filmschriften zu. Diese Ware kam mir gelegen, weil ich den Cineasten nahestehe und außerdem im Alter von 16 Jahren Kunsthändler werden wollte (Film ist Kunst, obwohl einige Leute das seit hundert Jahren leugnen). Ich kaufte weitere Filmbücher, ich kaufte Kochbücher, Computerbücher, akquirierte Nachlässe. Aus einem fielen so viele Postkarten, Briefe und Widmungen, daß ich eine ganze, tragische Familiengeschichte rekonstruieren konnte. Außerdem wurden mir Sex-Filmchen auf Super 8 angeboten, aber davon erzähle ich bei anderer Gelegenheit.
Über die Gebrauchtbuchplattformen fand ich (Stamm-) Kunden aus aller Welt, vor allem aus Europa, Amerika, Asien und Australien. Was mit Afrika los ist, weiß ich nicht. Die Bestellungen kamen aus Forschung und Lehre, öffentlichen und privaten Bibliotheken. Autoren bestellten Bücher, um neue Bücher zu schreiben, Journalisten recherchierten für ihre Artikel. Sammler fanden das letzte Exemplar auf der Welt, Vielleser ihr Lesefutter. Neffen orderten Kinoprogrammhefte zu Filmen, in denen ihre Onkel mitgespielt hatten. Tanten suchten Kommunionsgeschenke für ihre Nichten. Eine Kundin kaufte ein Buch, das ihr im Krieg verschollener Großvater geschrieben hatte, ein Schauspieler das Buch seiner geschiedenen Frau, ein Regisseur die Biografie eines anderen Regisseurs, ein Schüler ein Übungsbuch. Er machte nach drei Wochen intensiven Durcharbeitens von seinem Widerrufsrecht gebrauch. Japanern schickte ich deutsche Bücher, Franzosen italienische, Briten französische. Spaniern spanische. Ich verkaufte an Buchhandlungen und war nicht sicher, ob sie noch existieren, wenn das Buch ankommt. Ich verkaufte an Kollegen und fragte mich jedes Mal, ob ich zu billig war. Doch egal, ob die Bücher trivial oder avanciert, verbreitet oder rar, günstig oder teuer waren, ob ich an Lehrerinnen, Kellner, Ärzte, Unternehmer, Schüler, Hausmänner oder Privatiers verkaufte: Ich führte zusammen, was zusammen gehörte.
Wenn ich also in eines meiner schönen Bücher versunken oben auf der vorletzten Sprosse der Jakobsleiter hocke, mit dem Kopf im Paradies und unten macht es dingdong, weil einer aus Millionen einen von Millionen Gründen hat, ein Buch bei mir zu bestellen, dann eile ich herab, wecke es aus dem Tiefschlaf, stecke es in einen Anzug aus Natronpapier und katapultiere es nach Wuppertal, Osaka oder Macondo. Denn da gehört es hin. Hinaus ins Universum.
P.S.: Wenn mir jemand die PayPal-Adresse vom Trinity College in Dublin nennen könnte, wäre ich sehr dankbar. Ich schulde denen noch 1 Pfund 50, weil ich mich 1990 unbemerkt einer Besuchergruppe anschloß, um das Book of Kells zu besichtigen. Damit keiner sagt, ich hätte kein Herz für Handschriften.
- Einband unsauber, Rücken fehlt, Gelenke locker





